Kortikale Kolumne

Die Kortikale Kolumne- Februar 2022: Von der Freiheit und von der gegenseitigen Rücksichtsnahme

In einer Sonderedition des Philosophie-Magazins hat der Schriftsteller und Japankenner Christoph Peters einen bemerkenswerten Essay über das Sumimasenprinzip veröffentlicht. Er weist auf eine andere Geistesgeschichte Japans hin, die von vorauseilender Deeskalation und gegenseitiger Rücksichtsnahme im gesellschaftlichen Miteinander geprägt ist und stellt die westliche Kultur gegenüber, in der das Ich das Zentrum der Freiheit ist. Die letzten zwei Jahre Pandemiegeschichte legen von dieser Ich-Zentriertheit bemerkenswert Zeugnis ab.

Auch während ich diese Kolumne schreibe, werde ich – wie jeden Samstag in Düsseldorf – Zeuge, wie draußen auf der Straße Tausende Impfgegner ihre verlorene Freiheit beklagen, lautstark musikalisch untermalt mit dem „Freiheitslied“ von Marius Müller-Westernhagen (der sich natürlich davon distanziert hat), einige haben sich Schilder mit der Aufschrift Gandhi umgehängt. Es wäre absurd, dies zum Anlass zu nehmen, hierüber einen ernsthaften philosophischen Diskurs über den Freiheitsbegriff zu führen, wenn nicht andererseits auch Spitzenpolitiker uns dieser Tage den „Freedom-Day“ in Aussicht stellten und zeitgleich an der Umsetzung einer „einrichtungsbezogenen“ Impfpflicht für Mitarbeitende in Gesundheitseinrichtungen feilen.

Um nicht falsch verstanden zu werden: in unserer Praxis sind alle geimpft und geboostert. Selbstverständlich. Was sonst? Aber es hat ein Geschmäckle, wenn Politiker dies von uns fordern als ethisch geboten (wir hätten uns ja einen anderen Job aussuchen können) und gleichzeitig der übrigen Bevölkerung mit sprachlichen Pathos den Weg „in die Freiheit“ weisen. Hier wird ethisch, und das können wir im Gesundheitssystem regelmäßig beobachten, mit zweierlei Maß gemessen. Die Einen reklamieren für sich die Freiheit, jederzeit ohne Einschränkungen und „freiheitsentziehender“ Maßnahmen wie das Tragen einer Maske so zu verhalten, ihre Atemluft auszustoßen und damit zur Einatmung durch ihre Mitmenschen freizugeben. Auf der anderen Seite die vielen Mitarbeitenden in Kliniken und Praxen, die sich dann aufopfernd in Überstunden bis an ihre Belastungsgrenzen um die Infizierten kümmern, selbstverständlich alle geimpft, um die „sensiblen“ Bevölkerungsgruppen zu schützen.

Es ist eine medial wenig beachtete Absurdität in diesem Kontext, dass Arztpraxen während der gesamten Pandemiezeit zu den letzten Freiheitsinseln für freiwillig Ungeimpfte und Verschwörungstheoretiker gehört haben: wir haben jedem Patienten auch ungeimpft und ungetestet den Zugang zur Praxis zu gewähren. In Praxen galt von jeher Null G. Den Zugang zu versperren, hieße gegen Berufsrecht zu verstoßen. Egal, ob wir damit andere Patienten gefährden oder unsere Mitarbeiter und uns selbst. Egal, ob MitpatientInnen infiziert werden oder unsere Praxen durch Impfdurchbrüche und Quarantäneregeln ausgedünnt und handlungsunfähig werden.

Selbstverständlich müssen wir jeden behandeln, unabhängig von politischer oder religiöser Überzeugung, auch die Unvernünftigen und auch Schwerverbrecher. Das ist in der Tat Bestandteil ärztlicher Ethik. Das Berufsrecht und die ethischen Grundlagen dieser Maxime gehören an dieser Stelle nicht auf dem Prüfstand, aber die Prinzipen des gesellschaftlichen Miteinanders: Freiheit ist auf der anderen Seite immer mit Pflichten verbunden. Unsere Politiker haben den „Bürgerinnen und Bürgern“ zugemutet, sich vor dem Betreten eines Restaurants oder eines Klamottenladens zu testen. Warum wird dies nicht auch von Patienten bei elektiven Arztbesuchen verlangt? Es geht ja nicht darum, medizinische Notfallmaßnahmen zu unterlassen, in denen selbstverständlich andere Maßstäbe gelten. Es geht schlichtweg darum, die vielen geimpften Mitpatienten zu schützen, die nicht nur auch zu den vulnerablen Gruppen gehören, sondern auch eine viel größere Gruppe darstellen. Da hilft auch nicht der Hinweis, gesonderte Sprechstunden auszuweisen, wenn in diesen sich unsere Mitarbeitenden und wir selbst uns infizieren und das Virus weitertragen. Politiker weisen uns auf unsere medizinethischen Verpflichtungen hin und es mag Ihnen auf diesem Hintergrund egal sein, wenn wir uns reihenweise infizieren. Das ist aus den genannten Gründen unlogisch, sowohl in Hinblick auf die Dynamik von Infektionsketten, als auch ethisch inkonsequent und widersprüchlich. Letzteres last not least, weil wir einen Versorgungsauftrag wahrzunehmen haben. Unsere Patienten brauchen uns. Gerade Neurologen, Nervenärzte und Psychiater waren auch zu Beginn der Pandemie für ihre Patienten da und haben dazu beigetragen, die Versorgung aufrecht zu halten und Kliniken zu entlasten. Der krankheits- oder quarantäntebedingte Zusammenbruch von Versorgungsketten hilft niemandem.

Statt also selektive Impfpflichten für einzelne Berufsgruppen auszurufen, sollten Politiker mutiger grundsätzlich mehr Pflichten einfordern, nicht nur von Mitarbeitenden von Gesundheitseinrichtungen. Es geht dabei nicht nur um behördliche Maßnahmen zur Eindämmung einer Pandemie. Es geht vor allem auch um ein gesellschaftliches Klima, dass zunehmend von ichzentrierter Toxizität geprägt ist. Gesellschaftliche Freiheit bedeutet eben auch Pflichten. Diese einzufordern mag Wählerstimmen kosten, sichert aber auf Dauer die Demokratie und eben ein von gegenseitiger Rücksichtnahme geprägtes gesellschaftliches Miteinander.

Was Menschen dazu bringt, sich als Freiheitskämpfer gegen eine imaginierte Diktatur zu inszenieren und sich in einer Linie mit den großen Idolen wie Gandhi zu sehen, mögen die PsychiaterInnen unter uns erklären. Mir wird von so viel Geschichtsignoranz übel und ein wenig bange. Das ist der Stoff, der Menschen dazu bringt, das Capitol zu stürmen. Hoffen wir, dass unsere Gesellschaft und Politiker, anders als in den USA, dem auch langfristig eine andere Kultur entgegensetzen können. Ein falsch verstandener und hedonistisch geprägter Freiheitsbegriff gepaart mit einer übergroßen Empörungsbereitschaft tut uns nicht gut. Lernen wir von den Japanern, bei denen es schon vor dieser Pandemie selbstverständlich war, die Mitmenschen zu schützen. Wer nicht weiß, was Sumimasen ist: bitte unbedingt googlen.

Ihr
Uwe Meier

Dieser Text ist in gekürzter und leicht abgewandelter Form auch im Editorial des Neurotransmitter Nr. 3 2022 des Springerverlags erschienen.

NeuroTransmitter Ausgabe 03/2022

NeuroTransmitter März 2022