Offener Brief an die SPD
Liebe alte Tante SPD, was ist bloß aus Dir geworden?
was ist eigentlich los mit Dir? Du warst einmal die Partei der Solidarität, der Wertschätzung von Arbeit und des Schutzes derjenigen, die unter schwierigen Bedingungen Verantwortung übernehmen. Und nun lesen wir Dein Konzept zur Primärversorgung und fragen uns: Was haben Dir eigentlich die niedergelassenen Fachärztinnen und Fachärzte und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter getan?
Unsere Praxen arbeiten längst an der Grenze ihrer Belastbarkeit. Die Anfragen nehmen zu, Patienten kommen von immer weiter her, die medizinischen Anforderungen steigen. An den Telefonen und Rezeptionen versuchen unsere Teams täglich, dringliche Fälle unterzubringen und verzweifelten Menschen zu helfen. Der Ton wird rauer, Beschimpfungen und Bedrohungen nehmen zu. Krankheitsausfälle und Personalmangel erhöhen den Druck auf diejenigen, die bleiben. Trotzdem halten sie die Versorgung aufrecht – nicht, weil man sie zwingen muss, sondern weil ihnen ihre Patienten am Herzen liegen.
Liebe SPD, wir laden Dich ein: Komm einen Tag in unsere Praxen. Setz Dich zu unseren Teams an die Rezeption, hör Dir die Telefonate an und sieh, wie hier gearbeitet wird. Und dann sag uns bitte, wo wir die zusätzlichen Termine hernehmen sollen.
Die Ursachen sind bekannt: Demografie, chronische Erkrankungen, medizinischer Fortschritt und zunehmende Ambulantisierung steigern den Bedarf. Überlastete Hausarztpraxen überweisen weiter; mitunter führen auch Sorgen um Verordnungsbudgets und Regresse zu zusätzlichen Facharztkontakten. Zugleich begrenzen Bedarfsplanung, Zulassungsregeln und Vergütungsmechanismen die Möglichkeiten, Kapazitäten auszubauen. Das wird sich auch durch kein Primärarztsystem ändern. Auch die Hausärzte, mit denen wir tagtäglich sehr gut zusammenarbeiten, sind überlastet und sie werden immer weniger. Schon jetzt finden unsere Patientinnen und Patienten oft keine Hausärzte mehr. Da sind wir die ersten Ansprechpartner. Auch für die vielen Patientinnen und Patienten, die sofort von den Hausärztinnen an uns weitergeleitet werden, oft an der Rezeption, aus Überlastung, nicht aus schlechtem Willen.
Hier könnte Politik ansetzen: den tatsächlichen Bedarf und die Inanspruchnahme neu bewerten, medizinisch unnötige Zuweisungen vermeiden, wirtschaftlich bedingte Verordnungshemmnisse abbauen, Bürokratie reduzieren und zusätzliche Behandlungskapazitäten ermöglichen. Stattdessen präsentierst Du eine Termingarantie: drei Wochen bis zum Facharzt. Als hätten wir bisher nur nicht genügend Termine anbieten wollen.
Du erkennst in Deinem eigenen Papier zu knappe Kapazitäten an. Und dennoch soll bei nicht rechtzeitig vermittelten Terminen die Krankenhausambulanz einspringen – möglicherweise bezahlt aus der vertragsärztlichen Gesamtvergütung. Liebe SPD, ist das Dein Ernst? Man kann einen Mangel nicht durch einen Rechtsanspruch beseitigen. Und man kann nicht Ressourcen begrenzen und zugleich ihre Verfügbarkeit garantieren.
Ökonomisch wird es noch widersprüchlicher: Ein Krankenhausverbund betreibt ein MVZ, dort ist innerhalb von drei Wochen kein Termin frei. Der Patient wird in die benachbarte Krankenhausambulanz vermittelt, möglicherweise mit denselben ärztlichen Ressourcen – aber über einen anderen Abrechnungsweg. Sollte dieser attraktiver sein, könnte aus der Knappheit ein Geschäftsmodell werden. Ausgerechnet Du, die Du Mittelstand und fairen Wettbewerb stärken willst, würdest damit womöglich große Verbünde gegenüber unabhängigen Praxen begünstigen.
Gleichzeitig verschärft das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz den wirtschaftlichen Druck auf die ambulante Versorgung, während immer mehr Leistungen ambulant erbracht werden sollen. Wie sollen unter diesen Bedingungen mehr Termine entstehen?
Und vor allem: Was ist das für eine Haltung gegenüber den Menschen, die dieses System tragen? In Deinem Papier ist von „Standesdünkel“ die Rede; Du verlangst neue Meldepflichten und erwägst finanzielle Konsequenzen. Warum dieser Ton? Woher kommt dieses Misstrauen? Wo bleiben die Wertschätzung der Arbeit und die Solidarität mit unseren Teams?
Wir verlangen keine Privilegien. Wir wollen bessere Patientensteuerung, sinnvolle Arbeitsteilung und eine Versorgung, die sich am medizinischen Bedarf orientiert. Aber wir erwarten eine Politik, die Ursachen angeht, statt die Folgen auf diejenigen abzuwälzen, die täglich behandeln.
Liebe alte Tante SPD: Unsere Patienten und unsere Mitarbeiter stehen nicht auf unterschiedlichen Seiten. Sie leiden unter denselben strukturellen Problemen. Unsere Patienten vertrauen uns und können sehr genau unterscheiden, was Ursache ist was Wirkung. Politikverdrossenheit und Protestwahlen sind vermeidbar. Wenn Du wirklich etwas für die Patienten tun möchtest, dann hilf uns, sie besser zu versorgen.
Komm vorbei. Schau Dir unsere Arbeit an. Sprich mit unseren Teams. Vielleicht verstehen wir dann auch besser, was Dich zu diesem Papier bewogen hat.
Dr. Sabine Köhler, 1. Vorsitzende BVDP und BVDN
Dr. Klaus Gehring, 1. Vorsitzender BVDN
Dr. Uwe Meier, 1. Vorsitzender BDN
Anlagen
2026-10-14_offener Brief SPD-Politik
Begleitende Pressemitteilung: Neurologen und Psychiater laden SPD-Gesundheitspolitiker zur Hospitation ein
2026-10-14_Pressemitteilung Einladung SPD-Gesundheitspolitiker

